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Die Schliche des Herrn Miragul

4. Kapitel
in welchem alte Legenden in neuem Licht erscheinen ...


"Dann machten sie sich auf den Weg. Zu jener Zeit besaß Haladan nur wenige Rüstungsteile und seine einzige Waffe war ein Kurzschwert. Beim Wasserfall nahm er Abschied von Stoßzahn, seinem treuen Gefährten. 'Hierhin kannst du mir nicht folgen, mein Freund.' sprach er. 'Die nun folgende Tat muss ich allein tun.'"
Der alte Mann hielt einen Augenblick in seiner Erzählung inne, um sich die rauhe Kehle mit einem Schluck Ale zu benetzen. Dann fuhr er mit seiner sonoren Stimme fort: "Er sprang den Wasserfall hinab und tauchte in den tiefen See. Ganz tief musste Haladan tauchen, und das Schwimmen war schwierig wegen der starken Strömungen. Mit all seiner Kraft stemmte er sich gegen die Wassermassen und kam schließlich hinter dem Wasserfall bei einem runenbemalten Felsen wieder an Land. Er blickte in eine große Höhle."
Die Kinder und Halbwüchsigen des Dorfes saßen in einem Halbkreis um den alten Geschichtenerzähler, den man hier nur Yurij den Skalden nannte. Einst war Yurij ein starker Krieger und großer Jäger gewesen. Doch seit einem Jagdunfall, bei dem ein wilder Eber seine Hauer in den Oberschenkel des Mannes gerammt hatte, hinkte er. In der darauffolgenden Zeit der Bettlägerigkeit hatte Yurij sein zweites Talent entdeckt: Geschichten erzählen. Als er wieder laufen konnte, zog er von Dorf zu Dorf und erzählte die Sagen von Haladan Mondläufer. Dafür erhielt er nach dem halasianischen Brauch des Gastrechts eine Mahlzeit und einen Schlauch Ale und ein Lager für die Nacht. Nicht das schlechteste Leben für einen, der im Kampf nichts mehr taugte.
Und die Kinder liebten Yurij. Gebannt lauschten sie seinen Erzählungen über die alten Helden von Halas. Sie saßen mit ihm in der Sicherheit des Gemeinschaftshauses, während draußen die Winterstürme heulten und das Land in einen weißen Alptraum verwandelten. Sie saßen dort in der kuscheligen Wärme ihrer Eisbärenfelle und in die Überwürfe ihrer Großkilts gehüllt. Ihre Wangen glühten und ihre Augen strahlten im Schein des Herdfeuers und der Fackeln, die in schmiedeeisernen Halterungen an den Wänden befestigt waren.
In lebhaften Worten schilderte Yurij der Skalde den heldenhaften Kampf, den der junge Haladan Mondläufer gegen die riesenhafte Felsenhexe von Skagafjord führte. Seine Stimme hob sich, als er die furchtlose Rede Haladans im Angesicht der Riesin wiedergab und mit verstellter krächzend-hoher Stimme, in kryptischen Stabreimen voll abgrundtiefer Bosheit, rezitierte er die Antwort der Hexe, ehe sie versuchte, ihn mit ihrem Zauberspeer zu durchbohren. Die Erzählung des Skalden wurde lebhafter. Der Kampf zwischen den ungleichen Gegnern wogte hin und her. Nur Haladans Geistesgegenwart rettete ihn mehrfach vor dem Tod.
Die kleineren Kinder drückten sich ängstlich an ihre Geschwister und kauten gebannt auf ihren Handknöcheln, so eindringlich waren die Worte des Skalden. Einige der Jünglinge waren aufgesprungen und standen und lauschten mit geballten Fäusten, während Yurij die höhnischen Worte der Hexe sprach, als sie Haladan endlich zu Boden gerungen hatte und nun mit erhobenem Zauberspeer über ihm stand, um ihm die Waffe in die Kehle zu stoßen.
Lauter Jubel hallte durch das Langhaus, als schließlich Stoßzahn, Haladans treuer Mammutgefährte, durch einen zuvor verborgenen Höhleneingang brach und mit einem lauten Trompeten die verräterische Riesenzauberin auf einen seiner gewaltigen Hauer spießte. Und sie klatschten und lachten, als die Helden im Triumph nach Skagafjord zurückkehrten, den abgetrennten Kopf der Hexe als Siegeszeichen auf den Mammuthauer gespießt.
Zufrieden lehnte sich Yurij zurück und trank einen tiefen Schluck Ale. Einige Kinder bestürmten ihn, gleich noch eine weitere Geschichte zu erzählen. Andere waren aufgesprungen und jagten und balgten sich. Die einen erklärten sich zu Haladans und Stoßzähnen und stürmten auf die anderen ein, die widerwillig den Teil der Hexe übernahmen, als sie begannen, die Sage nachzuspielen und auf ihre kindereigene Art neu zu erfinden.
Zwei feuerhaarige Mädchen saßen, an eine geschnitzte Säule gelehnt, etwas abseits und sahen dem Treiben zu. Sie mochten wohl Schwestern sein, denn sie waren einander sowohl an Größe und Körperbau, als auch in ihren Gesichtern recht ähnlich. Beide trugen bereits Gesichtstätowierungen, was sie als mindestens zwölf Sommer alt auswies. Die eine, anscheindend die ältere, war jedoch von heller, rosafarbender Haut, während die jüngere eine tiefe Sonnenbräune aufwies, die man in Halas erhielt, wenn man sich viel zur Mitsommerzeit auf den Planken der kleinen wendigen Fischerboote aufhielt.
"Wenn Stoßzahn nicht einen Weg nach unten gefunden und die blöde Hexe auf die Hörner genommen hätte, wäre es das gewesen", grummelte die jüngere Schwester und schnippte missmutig einen Kiesel zum Herdfeuer.
Die ältere lächelte weise. "Manchmal braucht man einen Freund, auf den Verlass ist", erwiderte sie.
Die jüngere runzelte die Stirn. Ihr Blick ging weiter starr in die Flammen. "Freund? Jemand anders macht die Arbeit und erntet dafür weder Ruhm noch Reichtum. Sieht so Freundschaft aus, Yelsa?"
"Darum geht es doch gar nicht." Yelsaveta schüttelte den Kopf und der Feuerschein warf tanzende Reflexe auf ihr kupferrotes Haar. "Die zwei haben eine Aufgabe übernommen und sie zuende geführt. Und die Leute von Skagafjord haben sie dafür gerühmt und gefeiert."
"Ein paar Pfund Fisch für eine Heldentat. Ich bin begeistert", entgegnete die jüngere mit übertrieben aufgesetztem Enthusiasmus. Ihre lockige Haarmähne wurde nur mühsam von einem dunklen Stirnband zurückgehalten und mehrere rote Strähnen fielen ihr ins Gesicht.
"Ich hätte sowas bestenfalls für eine mit Gold gefüllte Schatulle getan", fuhr sie hitzig fort. "Wenn sich die Essigschlucker aus Skagafjord das nicht leisten können, dann sollen sie mit ihrer Hexe glücklich werden."
Yelsaveta musterte ihre Schwester mit eindringlichem Blick. Sie führten eine solche Diskussion nicht zum ersten mal. Doch immer wieder schaffte es die Jüngere, sie damit wütend zu machen. "Haladan tat, was zum Wohle von Skagafjord getan werden musste. Reichtum ist vergänglich, doch der Nachruhm währt ewig und ist der Weg zur Unsterblichkeit!"
Die Jüngere lachte frech auf. "Ha! Drauf geschissen! Von Ruhm und Ehre wirst du nicht satt! Ich hätte der Hexe eine Falle gestellt und sie in ihren eigenen Speer rennen lassen. Aber nicht die Alte mit meinem Rumgehüpfe solange hingehalten, bis mir ein wandelnder Bettvorleger den Arsch rettet! Danach wäre ich ins Dorf gegangen und hätte meinen Lohn gefordert. Und hätte ihn entweder erhalten oder ich hätte das flohverseuchte Kuhkaff niedergebrannt."
Bei den letzten Worten war das Mädchen aufgesprungen und funkelte nun angriffslustig ihre Schwester an, die sich ebenfalls erhoben hatte und ihre Wut nur mühsam in Zaum hielt. Flammen schienen um ihre Faust zu züngeln.
Schlagartig war es sehr still geworden im Langhaus. Nur das Heulen des unablässig wütenden Sturmes war von draussen zu hören. Die Jüngere entspannte sich und brachte ein schiefes Lächeln zustande. "Nichts passiert", sagte sie fröhlich in die Runde. "Alles in Ordnung. Wir... äh... wissen jetzt, wer von uns beiden das nächste Ale holte. Nicht wahr Yelsa?"
Yelsavetas Blick sprühte immer noch vor Wildheit.
"Ich dann?" fragte das jüngere Mädchen und deutete mit dem Daumen auf sich.
Die ältere nickte grimmig und nahm ihren Platz auf dem Fell wieder ein. Auch die übrige Geräuschkulisse normalisierte sich, als das Interesse der Umstehenden nachließ.
Später, als die beiden wieder einträchtig nebeneinander saßen und einer weiteren Saga von Haladan Mondläufer lauschten, raunte Yelsa zu ihrer Schwester hinüber: "Ich werde nie begreifen, wie du so ...", sie suchte nach einem passenden Wort, fand aber keines, "... so denken kannst."
Das jüngere Mädchen antwortete nicht. Sie schien völlig in die Erzählung vertieft.
Yelsaveta wusste es besser. "Wenn ich so ruhmreich kämpfen würde wie Haladan", fuhr sie im Flüsterton fort, "ich wäre die glücklichste Frau von Halas. Du dagegen wirst immer nur wie ein blutbefleckter Rabe über den Schlachtfeldern kreisen."
Die jüngere sagte weiterhin kein Wort.
Doch ihr Mundwinkel verzog sich zu einem Lächeln. Blutiger Rabe der Schlachtfelder? Ja, der Gedanke gefiel ihr.

###

"Warum stinkt es hier eigentlich so nach 'nasser Hund'?" murmelte Ceiling Rats in die frostklare Stille hinein. Ihre feine Nase verzog sich angewidert.
"Stimmt aber, ich hab mich auch schon gewundert", bestätigte Nimro Nimrades.
Die beiden Rattonga hatte das zentrale Podest in der Eingangshalle von Miraguls Planarer Scherbe erklommen, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. In einer Ecke in der Nähe des Eingangs lagen die Leichname Kervis Pendelairs und seiner Gehilfen. Nach ihrem Sieg hatten sich die Billies der gegenüberliegenden Tür zugewandt. Zwei weitere thulianische Todesritter hatten dort Wache gehalten. Die Betonung lag auf "hatten".
"Das gefällt mir nicht", sagte Ceiling an Nimro gewandt. Der Nekromant zuckte die Achseln. Obwohl auch er über den für seine Rasse typischen, feinen Geruchssinn verfügte, war er durch den süßlich-fauligen Gestank seiner untoten Schergen abgehärtet, was unangenehme Düfte betraf. "Wer weiss, was der alte Miragul da wieder Übles zusammengekocht hat?" versetzte er. "Vielleicht hat er Thulianer mit Schlittenhunden gekreuzt, hehehe..."
Inzwischen hatten Solidar, Cathul, Ssizzel und Silbhe sowie einige Scouts die fragliche Tür erreicht. Sie bestand aus dunkelblauem Material, wie alles hier. Schwer zu sagen, ob sie aus Marmor oder einem anderen Stein bestand. Alle Türen und Wände an diesem unheimlichen Ort waren mit Raureif und Eiskristallen überzogen, die dem Material ein verwirrendes Glitzern und Funkeln verliehen und jede weitere Bestimmung erschwerten. Auch an dieser Tür prangte eine große Tafel:

Studienraum II

Haladan Mondläufer, Held von Halas
und Stoßzahn


Füttern verboten

Warnung vor dem Hund


Ein lauter halasianischer Fluch hallte durch das stille Gewölbe, als Blutrabe das Schild erblickte. "Bei Rallos' gepanzerten Eiern! Ausgerechnet Haladan! Das kann doch nicht wahr sein!"
"Der Name sagt dir was?" fragte Silbhe unbeeindruckt.
Die Brigantin konnte ihren Zorn nur mühsam zügeln. "Ein Blender der schlimmsten Sorte. Wir Halasianer langweilen unsere Kinder mit seinen Geschichten, bis sie einschlafen", sagte sie verächtlich.
"Wieso ein Blender?" begehrte Solidar auf. Auch er war Halasianer und mit den alten Sagen aufgewachsen. Der Paladin fuhr fort: "Haladan Mondläufer war ein ruhmreicher Held. Seine Taten sind legendär. Jeder Krieger sollte ihm nacheifern."
Blutrabe hob eine Augenbraue. "Kennst du meine Schwester? Wenn nicht, solltet ihr euch kennenlernen. Ihr redet den gleichen Unsinn."
Ssizzel hielt eine gepanzerte Klaue dazwischen, ehe die beiden aufeinander losgehen konnten. "Was ist denn nun mit diesem Haladan?" fragte die Sarnak. "Können wir ihn vielleicht auf unsere Seite ziehen?"
"Reine Zeitverschwendung", knurrte Blutrabe und stieß mit einem herzhaften Tritt die Tür auf. Ein mächtiger weißer Schatten sprang auf die Brigantin zu und warf sie zu Boden. Die Augen des riesigen Höhlenwolfes glommen in kaltem Feuer und seine fingerlangen Reißzähne schnappten nach ihrer Kehle.
Solidar reagierte als erster und rammte dem Wolf seinen Schild in die Flanke. Der Wolf stieß ein heiseres Bellen aus und wandte sich dem Paladin zu. Weitere Wölfe, keinen Deut kleiner als die erste Bestie, quollen aus der Öffnung und fielen über den Raubzug her. Plötzlich schienen sie von überall her zu kommen, aus den Wänden und aus dem Boden zu wachsen. Mehr als ein dutzend dieser Winterwölfe sprangen zwischen den Billies umher und schnappten nach allem, was sich bewegte.
Von ihrem erhöhten Platz aus, versuchte Ceiling in dem allgemeinen Chaos den Überblick zu behalten. Sie lenkte einen der Wölfe, der gerade im Begriff war, Shimja von der Seite anzufallen, mit einem verwirrenden Farbspiel vor dessen Augen ab. Der Wolf schüttelte irritiert den Kopf und versuchte, nach den Lichtfunken zu schnappen. Genug Zeit für Shimja, sich mit einem Hechtsprung hinter die Bestie zu retten und einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens zu legen.
Lindar, der Bogenschütze, hatte sich inzwischen mit einem gewaltigen Satz auf die Empore vor einem zuschnappenden Wolfskiefer in Sicherheit gebracht und sandte nun, neben Nimro und Ceiling stehend, Pfeil auf Pfeil in die Wolfsleiber.
Ein Wolf sprang direkt auf Ceiling zu. Kläffend und geifernd legte er die Vorderläufe auf den eisigen Rand des Podestes und schnappte nach der kleinen Rattonga. Diese wich nicht einen Schritt zurück. Sie begegnete dem kalten Feuer der Bestienaugen mit ihrem eigenen bohrenden Blick und überwand den Willen des Wolfes mit der Kraft ihrer eigenen Gedanken. Wie von Geisterhand gesteuert, wandte das Tier den Kopf, dorthin, wo Solidar mit dem Rücken zu einer Eissäule stand und gegen mehrere Wölfe gleichzeitig kämpfte. Mit wütendem Knurren sprang das Tier auf den Paladin los.
Ceiling wischte sich eine imaginäre Schweissperle von der Stirn. Auf ähnliche Weise versuchte die Erzwingerin nun, weitere Wölfe in Richtung der gepanzerten Krieger zu schicken.
Lindars geübter Waldläuferblick hatte inzwischen die beiden Alphatiere des Rudels ausgemacht. Er zog zwei spezielle Pfeile, die er am morgen als Signalpfeile präpariert hatte, aus seinem Köcher. Mit geübter Bewegung nockte er den ersten Pfeil auf die Sehne. Spannen und Zielen war eins. Das Geschoss zog eine rötliche Rauchwolke hinter sich her und fuhr dem von seiner Position aus linken Alpha in die Flanke, wo es qualmend stecken blieb.
Mit einem gellenden Pfiff erlangte der Waldläufer Solidars Aufmerksamkeit und deutete anschließend mit dem Kopf auf den markierten Wolf. Der Paladin begriff sofort und bemühte sich, das Alphatier auf sich zu ziehen. Wieder konzentrierte Ceiling die befehlende Macht ihres Geistes. Der Wolf raffte die Lefzen und stellte die Ohren steil nach vorn. Mit einem zornigen Bellen und einem gewaltigen Satz sprang der - selbst im Vergleich mit seinen Artgenossen gewaltige - Höhlenwolf direkt auf den halasianischen Krieger los.
Als nächstes wiederholten der Waldläufer und die Erzwingerin die Prozedur mit der Alpha-Wölfin, nur hetzten sie diese auf Blutsoldat. Der Iksar-Schattenritter hatte sich vor der gegenüberliegenden Säule platziert und kämpfte von dort gegen die Riesenbestien. Seine neue Gegnerin nahm er mit der ihm eigenen stoischen Ruhe zur Kenntnis. Je mehr Angreifer, desto besser, war seine Devise.
Wie Lindar richtig vermutet hatte, schloss sich der Rest des Rudels den Attacken ihrer Leittiere an. Nachdem die beiden gepanzerten Krieger nun sämtliche Wölfe auf sich vereint hatten und die Heiler erfolgreich verhinderten, dass auch nur einer von beiden fiel, kam wieder Ordnung in die Reihen der Billies. Klagesänger und Nekromanten riefen die Gefallenen ins Leben zurück, während sich die übrigen Scouts und Magieverwender daran machten, die Anzahl der Wölfe geordnet zu dezimieren.
Schließlich fiel die letzte Winterbestie und hauchte mit einem kläglichen Jaulen ihr Leben aus. Der Boden war glitschig vor dampfendem Blut, welches aber bereits stellenweise auf dem eisigen Boden zu gefrieren begann. In die nachfolgende Stille mischte sich das nur ruhiger werdende Atmen der Raubzugsteilnehmer und das gelegentliche Tropfen von Wasser auf Eis.

###

"Und diesmal ein wenig geordneter", hallte Silbhes lakonischer Kommentar durch die Ruhe nach dem Kampf. Die Waldelfe hatte ihre Stimme keinen Deut gehoben und war doch klar und deutlich zu verstehen. Ihr vorwurfsvoller Blick galt Blutrabe, die sich ihrerseits nicht entscheiden konnte, ob sie zornig zurückstarren oder doch eher betreten die Spitzen ihrer Stiefel mustern sollte.
Solidar und Blutsoldat nickten einander zu, hoben ihre Schilde und traten nebeneinander durch das Portal. Sie sicherten nach beiden Seiten, während Cathul die Mitte übernahm. Sie blickten in ein mächtiges Höhlengewölbe, dessen Wände, von tausend winzigen Eiskristallen erhellt, frostig glitzerten und funkelten. Leichter Schneefall rieselte auf die Billies herab, die nun, mangels einer weiteren unmittelbaren Bedrohung, nach und nach in die Höhle sickerten.
Das Gewölbe selbst möchte einen Durchmesser von mehr als hundert Klafter haben. Der Boden war mit einer dicken Schneeschicht überzogen wie Zuckerguss auf einer Frostfall-Torte, jedoch von zahlreichen Wolfspfoten aufgewühlt. Die steilen Eiswände ragten bis zu fünfzig Fuß in die Höhe. Die Höhlendecke schien hinter einer Art schimmerndem Nebel zu verschwinden wie er von einer winterlichen See her aufsteigen mochte.
In der Mitte der Höhle erhob sich ein gewaltiger Aufwurf aus Schnee-, Eis- und Erdbrocken. Als die ersten Billies diesen erklommen, bot sich ihnen ein grauenerregender Anblick. Der Aufwurf bildete den Rand eines Kraters. Als hätte eine Faust in den Schnee geschlagen und das so entstandene Loch sich sofort mit Wasser gefüllt, das augenblicklich zu massivem Eis erstarrt war, spannte sich eine frostklare, massive Kuppel im Inneren des Kraters und verschloss diesen. Im Inneren der Wasserkuppel waren humanoide Gestalten eingeschlossen, festgefroren wie Fliegen in Bernstein. Auf ihren fernen Gesichtern war noch der Ausdruck des Entsetzens zu erkennen, Grimassen des Grauens, entstanden, als die Wesen begriffen hatten, dass ihr nächste Atemzug ihr letzter sein würde.
"Ist das Haladan?" Nimros Stimme hallte durch das betretene Schweigen. Mittlerweile hatten alle Billies die Eiskuppel erklommen und starrten mit gemischten Gefühlen auf die Ausgeburten der Tragödie zu ihren Füßen. Alle Augen folgten nun der ausgestreckten Hand des Nekromanten, die auf zwei unbekannte Gestalten vor der gegenüberligenden Höhlenwand wies.
Bei der größeren Gestalt handelte es sich um ein massiges, mit dichtem Zottelfell bedecktes Mammut, mit mächtigen, geschwungenen Stoßzähnen und mehr als fünfzehn Fuß Schulterhöhe. Das Mammut schnaubte fröhlich, während die andere Gestalt ihm mit ihrer gepanzerten Hand auf den Rüssel klopfte und dabei freundlich auf das Ungetüm einsprach. Die Teilnehmer des Raubzuges schien dabei keiner von ihnen zu bemerken.
Das Gegenüber des Mammuts hatte den typischen Körperbau eines Halasianers: breitschultrig und muskulös. Der Mann war von der Halsberge abwärts bis zu den Füßen in eine graublaue, straff sitzende Lamellenrüstung gehüllt. Über seinem Rücken hing ein mächtiger Anderthalbhänder. Ein schwarzer, borstiger Mohawk zierte den ansonsten kahlgeschorenen Schädel des Mannes. Sein Gesicht war grobknochig, strahlte aber zugleich die gelassene Souveränität eines geborenen Anführers aus. Die tiefliegenden, eisgrauen Augen blickten freundlich auf seinen Mammutgefährten.
Ungewöhnlich war die Größe des Unbekannten. Der normale Halasianer maß in der Regel zwischen sechs und siebeneinhalb Fuß. Dieser Mann dort an der Höhlenwand überragte jeden Vertreter seines Volkes allerdings um gute zwei bis drei Haupteslängen.
"Ja", knurrte Blutrabe. "Allen Beschreibungen nach ist das Haladan. Und der Flohzirkus daneben wird dann wohl sein treuer Gefährte Stoßzahn sein." So wie die Brigantin die Worte "treuer Gefährte" aussprach, musste sich dabei um einen äußerst widerwärtigen Hautausschlag handeln. Sie zog ihre schweren Knochenäxte aus dem Gürtel. "Zeit, der Memme mal zu zeigen wo der Hammer hängt."
Solidars ausgetrecktes Schwert blockierte Blutrabes Weg. "Ruhig", sagte der Paladin. "Vielleicht kann man ja mit ihm reden." Doch in seine Augen war dabei ein seltsamer Glanz getreten. Er schob Hildegard zurück in die Scheide und trat entschlossen vor. Cathul folgte ihm, behielt dabei seine Axt jedoch in der Hand. Blutsoldat zuckte die Achseln, warf einen "Na meinetwegen"-Blick in die Runde und folgte den anderen beiden Kriegern gemessenen Schrittes. Hätte sein Beinpanzer Taschen gehabt, er hätte jetzt sicherlich die Hände darin vergraben gehabt.
Solidar hatte inzwischen Haladan erreicht. Wenige Schritte vor dem halasianischen Helden blieb er stehen und schlug sich scheppernd die gepanzerte Faust in soldatischem Gruß vor den Brustpanzer. "Heil euch, Haladan Mondläufer!" rief der Paladin mit lauter, klarer Stimme. "Solidar vom Clan Il'Uvatar grüßt den Helden von Halas! Ich bin stolz darauf, euch zu begegnen!"
Der Mann, der Haladan Mondläufer sein musste, würdigte den Streiter von Marr keines Blickes. Als hätte er ihn nicht gehört, redete er weiterhin mit leiser Stimme auf das Mammut ein, welches mit einem leisen Trompeten antwortete.
Cathul hatte sich zu Solidars Rechten aufgebaut und beäugte die legendären Gestalten misstrauisch, während Blutsoldat zur Linken des Paladins stehen geblieben war und die Arme vor der Brust verschränkte.
Solidar trat indessen zwei weitere Schritte vor. "Haladan?" Noch zwei Schritte. "Haladan?" fragte er wieder. Ein letzter Schritt brachte den Streiter Marrs direkt zwischen den Mondläufer und Stoßzahn. In diesem Augenblick blitzte ein Erkennen in den Augen des Riesen auf. Seine Augen huschten von Solidar hinüber zu den übrigen Billies.
"Plünderer!" schrie Haladan Mondläufer, zog in einer fließenden Bewegung sein Schwert über die rechte Schulter und hieb in einem beidhändigen Schwung ansatzlos auf Solidar ein. Dieser bekam gerade noch rechtzeitig seinen Schild nach oben, um den donnernden Schlag abzufangen. Schwert und Schild trafen mit einem heftigen Krachen aufeinander. Rasch zog der Paladin Hildegard aus der Scheide und sprang zwischen Krieger und Mammut hindurch, so dass er die Höhlenwand im Rücken hatte.
"Stoßzahn! Auf sie!" schrie Haladan. Mit einem ohrenbetäubenden Trompeten trampelte das Mammut die Kraterwand zu den Billies hinauf.
"Heda! Bettvorleger!" Blutsoldat stimmte den gefürchteten Todesmarsch seiner Zunft an, und tatsächlich hielt das Mammut für einen Augenblick inne, ehe es den Aufwurf wieder hinunter rannte, diesmal auf den Schattenritter zu, der das Tier mit der unerschütterlichen Ruhe eines queynosianischen Beamten erwartete. Im letzten Moment trat der Iksar einen Schritt zur Seite, lenkte einen zuschlagenden Stoßzahn mit seinem Schild ab und hieb dem vorbeistürmenden Mammut sein Schwert über die Flanke.
Doch kein Blut spritzte, nicht einmal ein Fellbüschel hatte das Tier durch den Hieb verloren. Blutsoldat musterte sein Schwert kurz, als hätte er vergessen, es am morgen zu schleifen und stieß einen Seufzer aus. Na, das mochte ja heiter werden.
Indessen parierte Solidar weiter die Hiebe von Haladan Mondläufer. "Haladan, Jarl", stieß er dabei zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sein Schildarm fühlte sich bereits verdächtig taub an. "Wir sind nicht Euer Feind. Verdammt, besinnt euch doch! Ich will nicht gegen euch kämpfen, ich will nur reden."
"Schweigt, Plünderer!" erwiderte Haladan. "Ihr und Euresgleichen werdet Lord Miragul nicht berauben. Dafür sorgt Haladan Mondläufer."
"Von wegen mit ihm reden! Held von Halas? Bei Rallos' furzzerfurchter Rosette, es wird Zeit, dass der Kerl endgültig die Maulwürfe begrüßt!" Mit diesen Worten war Blutrabe über den Kraterrand gesprungen und mit erhobenen Knochenäxten auf den Helden von Halas zugesprungen. Die übrigen Scouts rannten ebenfalls los und auch die Fernkämpfer begannen, Haladan mit einem Hagel aus Geschossen und geballter Magie einzudecken.
Lediglich Shimja sah sich suchend um. Was, wenn dieser Haladan wirklich unfair spielte und weitere von diesen Schneebestien zur Hilfe rief. Die Bardin begann hektisch in ihrer Handtasche zu kramen. Klein-Billy klatschte vor Aufregung in die Hände. Schließlich zog Shimja das Utensil heraus, das sie gesucht hatte. Billy musterte das etwa ziegelsteingroßen Gerät, welches mit allerlei Drähten und Röhren versehen war, und die kleine, daran befestigte Messingplatte, auf der "Gnomische Schneebestienfalle, Patent Nr. 1549/VII-20c, Nippel durch die Lasche ziehen und kräftig kurbeln, bis die Schose auf ist. - Keine Garantie" zu lesen stand.
Shimja biss sich vor Anspannung auf die Unterlippe, während sie mehrfach an einem kleinen Nippel zog, bis eine ebenso winzige Kurbel zum Vorschein kam. Sie drehte mehrfach die Kurbel, hatte diese plötzlich in der Hand, fluchte unterdrückt, schlug die flache Hand gegen die Seitenwand des Geräts, das unerwartet aufklappte und unheildrohend zu summen begann. Schnell legte Shimja das Gerät in den Schnee und wandte sich wieder dem Kampf zu.
Die Attacken der Billies hatten Haladan offenbar geschwächt. Seine Schläge auf Solidar kamen jetzt langsamer, jedoch auch gezielter. Die übrigen Nahkämpfer, angeführt von Cathul, hackten und stachen auf den Helden von Halas ein. Das gestaltete sich schwieriger als erwartet, denn die offenbar verzauberte Rüstung des Mondläufers schleuderte jeden Angreifer, der ihn von der Flanke oder aus dem Rücken traf, mehrere Klafter weit zurück, als würde sie dem hinterhältigen Angreifer einen mächtigen Tritt versetzen.
Blutsoldat beschäftigte indessen das Mammut so gut es ging. Immer wieder rannte Stoßzahn mit lautem Trompeten auf den Schattenritter zu, dem es jedoch stets im letzten Augenblick gelang, dem Untier aus dem Weg zu tänzeln und ein bis zwei Schwerthiebe zu verpassen. Das Mammut hätte längst aus dutzenden von Wunden bluten müssen, wies jedoch nicht einen Kratzer auf.
Haladan geriet mehr und mehr in Bedrängnis. Plötzlich stieß er ein lautes Wolfsgeheul aus, das hohl und klagend durch das Gewölbe hallte. "Herbei!", rief er. "Eilt herbei, ihr edlen Bestien der Tundra und vernichtet dieses Geschmeiß!"
Scheinbar aus dem Nichts materialisierte ein neuer Winterwolf. Doch ehe sich die Bestie auf den Raubzug stürzen konnte, wurde sie von einem unsichtbaren Sog erfasst, der sie genau auf die von Shimja aufgestellte, gnomische Apparatur zu zog und mit einem hörbaren "Plopp" wieder verschwinden ließ. Eine weitere Schneebestie erschien, die das gleiche Schicksal ereilte.
Shimja stieß Silbhe den Ellbogen gegen die Seite. "Gut, ne?" grinste sie. Billy klatschte in seine kleinen Puppenhände.
Auch Haladan hatte bemerkt, dass seine Herbeirufung gescheitert war. Für einen kurzen Augenblick stellte er jegliche Angriffe ein und reckte die rechte Faust gen Himmel. Dabei murmelte einige Worte in einer uralten, unbekannten Sprache. Ein blaues Wabern sprang knisternd von Stoßzahn auf Haladan über. Er schien zu wachsen und plötzlich von einer Aura der Unbesiegbarkeit umgeben zu sein. Der Held des Nordens rief: "Leih mir für einen Moment deinen Schild, mein treuer Gefährte. Und nun zerschmettere diese Plünderer!"
Unter ohrenbetäubendem Lärm sprang das Mammut los und stürmte erneut den Hügel hinauf, wo sich die Heiler und Fernkämpfer des Raubzuges postiert hatten. Blutsoldat hieb nach der Flanke des davondonnernden Mammuts - und diesmal spritzte Blut...
Dominatrixx' scharfen Elfenaugen waren die erste Verwundung Stoßzahns nicht entgangen. Sofort sandte sie ihre Elementardominaz der anstürmenden Bestie entgegen und rief: "Lasst ab von Haladan! Das Mammut ist verwundbar!"
In die brennende Wut des Berserkers gehüllt, sprang Cathul dem Riesenmammut in den Weg und versuchte, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Von hinten rannte Blutsoldat herbei und auch die übrigen Streiter Billy's konzentrierten ihre Attacken nun auf Stoßzahn.
Blutrabe wusste nicht mehr, wann sie das letzte mal solch einen Zorn im Bauch gehabt hatte. Der Hass auf Haladan und seine Legende müsste sich unbemerkt und über die Jahre in ihr aufgestaut haben. Und nun fand er ein Ventil. Die Brigantin war sich nicht sicher, wen und was sie mehr verachtete: Haladan und sein selbstgefälliges Gehabe oder Stoßzahn und dessen hündische Ergebenheit. Als würden sich die angestauten Wassermassen eines Dammes plötzlich Bahn brechen, so genoss Blutrabe jede klaffende Wunde, die ihre Äxte in den Leib des verhassten Tieres schlugen, jeden Blutschwall, jedes schmerzerfüllte Trompeten.
Den konzentrierten Angriffen der Billies konnte Stoßzahn nicht lange standhalten. Sein Schreien klang nun eher jämmerlich, Mit rollenden Augen und vor Schmerzen halb wahnsinnig, brach das Mammut vor seinen Peinigern aus und stürmte noch einmal mit gesenktem Kopf den Hügel hoch. Wie eine Sturmsense drohte das Monster in den Pulk der Heiler und Magier zu fahren. Da sprang Ceiling vor. Die kleine Rattonga streckte die Arme aus, wackelte auf Ohrenhöhe mit ihren Händen und streckte dem wütenden Mammut die Zunge heraus.
Das Unglaubliche geschah. Stoßzahn bremste ab, als hätte er vor sich urplötzlich ein zischendes Nest giftiger Riesenvipern entdeckt, und kam schlitternd zum stehen. Panikerfüllt drehte es seine gewaltige Masse herum und rannte erneut auf Blutsoldat zu, der das Untier angemessen in Empfang nahm.
Oben auf dem Eisvorsprung verschränkte Ceiling zufrieden die Arme vor der Brust und nickte lächelnd. Dominatrixx blickte sie ungläubig an. "Man sagt, Elefanten hätten Angst vor Mäusen. Haben Mammuts also Angst vor ....?" Die Elfe ließ die Frage unausgesprochen im Raum stehen.
Ceiling kicherte. "Nun ja, ich habe dem Vieh nebenbei ein Bild von Blutsoldat und zerhackten kleinen Mammutkindern in den Kopf gesetzt, aber das muss ich ja nicht jedem auf die Nase binden", erklärte die Erzwingerin mit spitzbübischem Zwinkern.
Auch Haladan war nicht entgangen, dass sein treuer Gefährte an der Schwelle des Todes stand. Er trat einen Schritt von Solidar, mit dem er bis eben unverändert gefochten hatte, zurück und rammte sein Schwert vor sich in den Schnee. Mit weithin durch das Gewölbe hallender Stimme rief er: "Genug! Ich werde nicht zulassen, dass mein geliebter Stoßzahn unter euch Schatzsuchern zu leiden hat. Ich mache euch ein Angebot. Stellt die Feindseligkeiten ein und wir lassen euch passieren!"
Die Billies senkten erwartungsvoll die Waffen. Lediglich Blutrabe fuhr auf. "Was? Du feiger Hund ..." Mit erhobenen Äxten wollte sie sich auf Haladan stürzen, doch Cathul und Afeo hielten sie an den Armen zurück.
Der Mondläufer nickte zustimmend. Stoßzahn war an seine Seite getrottet und hielt sich nur noch mühsam auf dem Beinen. Sein zottiges Fell war rot vor Blut und rohen Fleischfetzen. Trostsuchend rieb das mächtige Tier seinen Rüssel an Haladans Schulter.
"Gut", fuhr der Held von Halas fort. "Ich gewähre euch sogar Zugang zu dem, was ich eigentlich beschützen soll. Kein weiteres Blut soll hier mehr vergossen werden." Im nächsten Moment hüllten sich Haladan Mondläufer und sein treuer Gefährte Stoßzahn, die Legenden von Halas, in eine blauweiße Lichtwolke und verschwanden, als wären ihr Hiersein nur ein Traum gewesen, den die ersten Strahlen der Morgensonne vertreiben.
Mit einem zornerfüllten Aufschrei riss sich Blutrabe los und schleuderte wütend eine ihrer Äxte an die Stelle, an der sich das Ziel ihres Hasses gerade noch befunden hatte. "Ich kriege dich, Haladan Wurstläufer!" schrie sie. "Wir sehen uns wieder und dann reiße ich dir deinen verfluchten, selbstgefälligen Schädel runter scheiße dir in den Hals!" Hohl hallte ihr Fluch von den stillen Wänden wider.
Aus der Vorhalle, jenseits von Haladans Gewölbe, war das Einsetzen eines dumpfen Rumpelns zu vernehmen. Es wurde kälter...

(Fortsetzung folgt)

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